Musik – Der Retter im Overload bei Autismus
Kennt ihr das Gefühl, wenn einfach alles zu viel wird? Die Gedanken rasen, der Körper kribbelt, und alles scheint sich wie ein unkontrollierbarer Bienenschwarm im Kopf zu drehen? Heute reden wir über Musik – eines der besten Mittel, um bei einem Overload wieder runterzukommen. Warum Musik mir hilft, wie sie wirkt und wie ihr sie für euch nutzen könnt, darum geht es in dieser Episode. Und natürlich werfen wir auch einen kleinen Blick in die 70er – die Ära meiner musikalischen Helden.
Wie kommt es überhaupt zu einem Overload?
Bei mir stehen diese Woche einige Dinge an. Eigentlich nichts Besonderes – eher Dinge, die schön oder produktiv sein sollten. Aber es sind viele Unbekannte dabei, und das ist der Punkt, an dem mein Gehirn sagt: „Alarmstufe Rot!“.
Zum Beispiel planen mein Partner und ich, ein paar kleine Renovierungsarbeiten in der Wohnung zu machen. Klingt simpel, oder? Aber hier lauern die Unbekannten: Welche Werkzeuge brauchen wir? Werden wir alles rechtzeitig fertig bekommen? Was, wenn wir uns verzetteln und das Wohnzimmer für Wochen aussieht wie eine Baustelle? Und dann kommt noch eine Einladung zu einem Abendessen. Auch das sollte etwas Angenehmes sein, aber da sind viele Variablen: Was, wenn die Gespräche anstrengend werden? Was, wenn ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll? Und was, wenn jemand diese Frage stellt: "Na, und was machst du beruflich?" Äh… Panik.
Kurz: Es gibt so viele Dinge, die ich nicht zu 100 % kontrollieren kann. Und für mein autistisches Gehirn ist das Stress pur. Es ist wie eine Kaskade von Reizüberflutungen. Da fängt mein Bein an zu wackeln wie eine Nähmaschine, ich werde gereizt, und irgendwann merke ich: Ich brauche dringend eine Pause.
Der erste Schritt: Rückzug.
Wenn ich spüre, dass der Overload droht, ist mein erster Schritt immer derselbe: Rückzug. Ich ziehe mich in einen ruhigen Raum zurück, wo ich sicher bin, dass mich niemand stört. Das ist wichtig, weil ich erst einmal alle äußeren Reize minimieren muss, bevor ich innerlich Ruhe finden kann. Und dann kommt mein absoluter Gamechanger ins Spiel: Musik.
Warum Musik?
Musik ist für mich mehr als nur Unterhaltung. Sie ist ein Anker, eine Zuflucht und ein Werkzeug, um meine Gedanken zu ordnen. Meistens lasse ich Alexa einen meiner Lieblingssongs spielen. Oft greife ich zu Musik aus meiner Jugend, weil ich diese Zeit trotz meiner Asperger-Diagnose, die ich damals noch nicht kannte, gut gemeistert habe.
Besonders Soft Rock hat es mir angetan – Bands wie Foreigner, REO Speedwagon, Chicago oder auch David Bowie. Diese Musik erinnert mich an eine Zeit, in der ich mich stärker und sicherer gefühlt habe. Das gibt mir automatisch ein Gefühl von Stabilität und Vertrautheit. Und sind wir mal ehrlich: Die 70er waren einfach eine magische Zeit für Musik. Soft Rock war irgendwie die Kuscheldecke unter den Musikgenres – emotional, harmonisch und immer mit einer Prise Sentimentalität.
Die 70er: Eine kleine Zeitreise
Lasst uns kurz zurückreisen: Die 70er. Die Ära der Schlaghosen, Glitzeranzüge und mehr Haarspray, als ein Friseursalon heute auf Lager hat. Aber es war auch die Zeit, in der Musik wirklich etwas Besonderes war. Die Künstler waren keine Produkte von Castingshows, sondern echte Musiker, die ihre Instrumente beherrschten und Songs schrieben, die unter die Haut gingen.
Foreigner zum Beispiel – ihre Songs sind wie kleine Geschichten, perfekt eingebettet in eingängige Melodien. Oder David Bowie, der Meister der Wandlung. Egal, ob "Space Oddity" oder "Heroes", seine Musik ist wie ein kleiner Trip in eine andere Welt. Und dann gibt’s da noch REO Speedwagon mit "Keep on Loving You" – ein Song, der klingt wie die musikalische Umarmung eines alten Freundes.
Heute sind viele dieser Songs Evergreens. Sie laufen im Radio, in Filmen oder Serien. Warum? Weil sie etwas haben, das zeitlos ist: echte Emotionen.
Wie wirkt Musik?
Wenn ich die Musik aufdrehe, passiert etwas Faszinierendes. Ich konzentriere mich voll und ganz auf die Klänge: auf die Melodie, die einzelnen Instrumente, das Zusammenspiel der Töne. Ich analysiere die Songs manchmal, aber auf eine entspannte Weise. Der Text ist dabei gar nicht so wichtig – hauptsache, er harmoniert mit dem Rest.
Dieses bewusste Zuhören hat zwei Effekte:
Mein Kopf wird ruhiger. Die Gedanken, die vorher wie ein Bienenschwarm umherflogen, fangen an, sich zu ordnen. Statt Chaos habe ich eine klare Struktur.
Mein Körper entspannt sich. Das Beinwackeln hört auf, die Reizbarkeit nimmt ab, und ich merke, wie meine Atmung tiefer wird.
Musik überall nutzen
Das Schöne an Musik ist, dass sie nicht nur zu Hause funktioniert. Wenn ich unterwegs bin oder am Arbeitsplatz merke, dass ein Overload näherkommt, greife ich zu meinen In-Ear-Kopfhörern. Die bieten mir einen kleinen Schutzraum, egal wo ich bin. Es ist, als würde ich eine Blase um mich herum schaffen, die alles andere ausblendet.
Über Kopfhörer höre ich dann Playlists, die ich gezielt für solche Momente erstellt habe. Da sind nicht nur alte Lieblingssongs dabei, sondern auch ruhige, instrumentale Stücke, die mich sofort runterholen.
Warum ist Musik so effektiv?
Musik hat eine ganz direkte Wirkung auf unser Gehirn. Sie spricht das limbische System an – den Bereich, der für Emotionen und Stressregulation zuständig ist. Der Rhythmus der Musik kann sogar unsere Herzfrequenz beeinflussen. Langsame Melodien beruhigen, während schnellere Songs Energie geben. Und das Beste? Musik ist immer verfügbar. Es ist, als hätte ich meinen persönlichen Therapeuten immer in der Tasche – und der verlangt nicht mal ein Honorar.
Fazit: Mein Tipp für euch
Wenn ihr das nächste Mal merkt, dass ein Overload droht, probiert es doch mal mit Musik.
Zieht euch an einen ruhigen Ort zurück, wenn das möglich ist.
Spielt einen Song, der euch vertraut und angenehm ist.
Lasst euch voll und ganz auf die Klänge ein.
Egal ob über Lautsprecher oder Kopfhörer – gebt der Musik Raum, euch zu beruhigen. Ihr werdet sehen: Es funktioniert. Und falls ihr noch keine Playlists habt, schaut doch mal nach den Klassikern der 70er. Wer weiß, vielleicht entdeckt ihr eure ganz persönliche Rettung zwischen einer Gitarre und einem Synthesizer.
Das war’s für heute. Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen inspirieren und vielleicht einen neuen Ansatz mitgeben, wie ihr mit Overloads umgehen könnt. Danke, dass ihr mir zugehört habt, und bis zum nächsten Mal!
Uve
